KammerReport

Aktuelle Gesetzgebung/Gesetzgebungsvorhaben

 

zusammengestellt von Rechtsanwältin und Fachanwältin für Strafrecht

Elke Werner, Dortmund

KammerReport Nr. 4/2016 vom 15.09.2016 Seite 10 f

 

 

Aktuelle Gesetzgebung/Gesetzgebungsvorhaben

zusammengestellt von Rechtsanwältin und Fachanwältin für Strafrecht

Elke Werner, Dortmund

 

I. Gesetzgebung

 

- Gesetz zur Stärkung des Rechts des Angeklagten auf Vertretung in der Berufungsverhandlung und über die Anerkennung von Abwesenheitsentscheidungen in der Rechtshilfe vom 24.07.2015 (BGBl. I 2015, 1332), insbesondere Neuregelung des § 329 StPO

 

- 3. Opferrechtsreformgesetz vom 21.12.2015 (BGBl. I 2015, 2525) mit Änderungen/Verbesserungen im Opfer-/Zeugenschutz (vgl. dazu Ferber, NJW 2016, 279)

 

- Gesetz zur Reform des Sexualstrafrechts: Der 6. Ausschuss für Recht und Verbraucherschutz hat am 06.07.2016 den Entwurf eines Gesetzes zur Änderung des Strafgesetzbuches – Verbesserung des Schutzes der sexuellen Selbstbestimmung – verabschiedet (BT-Drs. 18/9097); der Bundestag hat das Gesetz am 07.07.2016 in zweiter und dritter Lesung beschlossen (vgl. Nachricht in FD-StrafR 2016, 379633). Ausweislich der Begründung der Beschlussempfehlung wird der Grundsatz des „Nein heißt Nein“ in das StGB (mit Folgeänderungen in anderen Gesetzen) implementiert.

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Regierungsentwurf zur Berufsrechtsreform – beA, Briefwahl, Berufsrechtskenntnisse und vieles mehr

von Rechtsanwalt Stefan Peitscher, Hauptgeschäftsführer

KammerReport Nr. 4 vom 15.09.2016 Seite 8 ff

 

Nach einem Referentenentwurf des BMJV im Mai hat die Bundesregierung Anfang August 2016 den überarbeiteten Entwurf eines „Gesetzes zur Umsetzung der Berufsanerkennungsrichtlinie und zur Änderung weiterer Vorschriften im Bereich der rechtsberatenden Berufe“ vorgelegt. Das Reformwerk sieht auch eine Vielzahl von Änderungen in der Bundesrechtsanwaltsordnung vor. Die wichtigsten im Überblick:

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Zur Nutzungspflicht des beA - Muss man, soll man oder kann man?

von Rechtsanwältin Peggy Fiebig LL.M., BRAK, Berlin

KammerReport Nr. 2/2016 vom 21.03.2016 Seite 8

 

„Die Bundesrechtsanwaltskammer richtet für jedes im Gesamtverzeichnis eingetragene Mitglied einer Rechtsanwaltskammer ein besonderes elektronisches Anwaltspostfach ein“. So heißt es lapidar in Satz 1 des seit dem 01.01.2016 geltenden § 31a BRAO. Für die BRAK bedeutet dieser Satz einen personellen und technischen Kraftakt und für zahlreiche Kolleginnen und Kollegen Unsicherheit über die damit verbundenen Pflichten. Muss man das beA nutzen und wenn ja, ab wann?

 

Das Wort des Gesetzes

Für die BRAK war der Auftrag, der ihr im Herbst 2013 – damals noch mit einem etwas anderen Wortlaut – vom Bundestag erteilt wurde, klar: Jede Rechtsanwältin und jeder Rechtsanwalt erhält ein besonderes elektronisches Anwaltspostfach, in das Nachrichten gesandt werden können.

 

Für einige Kolleginnen und Kollegen ist die Sache jedoch nicht so klar. Nicht jeder kann sich mit dem Gedanken anfreunden, ohne eigenes Zutun ein empfangsbereites elektronisches Postfach zu besitzen. Unabhängig auch davon, ob in der eigenen Kanzlei die technischen Voraussetzungen für einen Abruf der dort eingehenden Nachrichten vorhanden sind. In den vergangenen Monaten wurde so eine Diskussion darüber entfacht, ob es eine Nutzungspflicht für das beA gibt und wenn ja, ab wann diese gilt.

 

Nein. Aber….

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Zur Psychologie der Verteidigung

[1]

von Rechtsanwalt Dr. Wilhelm Krekeler, Dortmund

KammerReport Nr. 2/2016 vom 21.03.2016 Seite 4 f.

 

Einführung

Im Jahr 1950 erschien ein Buch im Springer-Verlag in Wien mit dem Titel „Psychologie im Strafverfahren“. Autor dieses Werkes war Roland Graßberger, seit 1948 ordentlicher Professor des Strafrechts, des Strafprozesses und der Kriminologie der Universität Wien. Roland Graßberger leitete dort das Institut für Kriminologie. Er war zudem Herausgeber der „Kriminologischen Abhandlungen“, Präsident der Gesellschaft für Strafrecht und Kriminologie und Ehrenmitglied der österreichischen Akademie der Wissenschaften.

Erklärtes Ziel des Autors war es, psychologische Bildung zu verbreiten und Hinweise für die Anwendung psychologischer Erfahrungssätze im Strafverfahren zu geben. Die Arbeit fand starke Beachtung in Österreich und auch in der Bundesrepublik Deutschland. So kam es im Jahr 1968 zu einer zweiten Auflage des Werkes. In ihr folgte der Autor einer Anregung in einer Besprechung der ersten Auflage, indem er bei Hinweisen auf die Vorschriften des Prozessrechts neben dem österreichischen Recht auch die Rechtslage in der Bundesrepublik Deutschland berücksichtigte.

Das Werk gliedert sich in drei Hauptabschnitte:

 

-       Die psychologischen Grundbegriffe.

-       Die Charakteristik der Beteiligten des Strafverfahrens und ihrer Tätigkeit.

-       Die Charakteristik der Stadien und Situationen des Verfahrens.

 

Da Graßberger im Rahmen seiner wissenschaftlichen Arbeit zu der Überzeugung gelangt war, dass der Ablauf psychologischer Prozesse bei den Personen, die an einem Strafverfahren beteiligt sind, weitgehend von der Stellung abhängig ist, die diese Personen im Verfahren einnehmen, befasste er sich in dem Abschnitt „Charakteristik der Beteiligten des Strafverfahrens und ihrer Tätigkeit“ auch mit der Verteidigung.

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Das neue zentrale Schutzschriftenregister

von RA Dr. Mirko Möller, LL.M., Dortmund

KammerReport 5/2015 vom 15.12.2015

 

I. Einführung

Die Schutzschrift ist ein Kind der (Rechts-) Praxis. Sie ist ein Mittel, um sich gegen einen zu erwartenden Antrag auf Erlass einer einstweiligen Verfügung zur Wehr zu setzen und zu erreichen, dass ein entsprechender Antrag zurückgewiesen, jedenfalls aber nicht ohne mündliche Verhandlung beschieden wird. Dabei kann die Schutzschrift sowohl Rechts- als auch Tatsachenausführungen beinhalten. Nicht selten werden mit einer Schutzschrift auch Glaubhaftmachungsmittel (Beispiel: eidesstattliche Versicherungen) vorgelegt. Die Verlagerung eines wesentlichen Teils des Geschäfts- und Privatlebens in das Internet führt dazu, dass wegen des Gerichtsstandes der unerlaubten Handlung bzw. des Begehungsortes (vgl. etwa §§ 32 ZPO, 14 UWG) in immer mehr Fällen gleich eine Vielzahl von Gerichten zuständig ist, wobei die Wahl des Gerichts gemäß § 35 ZPO dem Kläger bzw. dem Antragssteller obliegt. Dies hat wiederum dazu geführt, dass Schutzschriften heute nicht mehr jeweils nur bei einem Gericht, sondern meist bei einer Vielzahl von Gerichten hinterlegt werden, verbunden mit der Hoffnung, auf diese Weise auch das gegebenenfalls angerufene Gericht zu erreichen. Seit rund acht Jahren gibt es ein von der Europäischen EDV-Akademie des Rechts (EEAR) betriebenes privates Schutzschriftenregister, bei dem Schutzschriften digital hinterlegt und von den Gerichten bei Eingang eines Antrages auf Erlass einer einstweiligen Verfügung abgerufen werden können. Der Nachteil dieses Registers besteht darin, dass die Teilnahme für die Gerichte nicht verpflichtend ist und einige durchaus bedeutsamen Gerichte die Teilnahme verweigern.

Der Gesetzgeber hat sich nunmehr dazu entschieden, zum 1. 1. 2016 ein amtliches Schutzschriftenregister einzuführen, dessen Nutzung sowohl für die Gerichte wie auch für die Rechtsanwälte (für Letztere allerdings erst ab dem 1. 1. 2017) verpflichtend wird. Im Zusammenhang mit der nunmehr unmittelbar bevorstehenden Einführung des amtlichen Schutzschriftenregisters stellen sich jedoch noch verschiedene Fragen, die zum jetzigen Zeitpunkt nur aufgeworfen, nicht jedoch beantwortet werden können. Der Bundesrat hat nämlich erst am 6. 11. 2015 der vom BMJV beschlossenen Schutzschriftenverordnung zugestimmt, allerdings mit der Maßgabe, dass es noch zur Streichung einer Regelung der Verordnung kommt. Bis zur endgültigen technischen Umsetzung bleiben nur noch wenige Wochen. In dieser Zeit müssen auch die vorstehend erwähnten Fragen beantwortet werden.

 

II. Gesetzgebungsverfahren und normative Grundlagen

1. Mit dem Gesetz zur Förderung des elektronischen Rechtsverkehrs mit den Gerichten vom 10. 10. 2013 (BGBl. I S. 3786) hat der Gesetzgeber die Einführung des amtlichen zentralen Schutzschriftenregisters beschlossen und mit den neu eingefügten §§ 945a, 945b ZPO die gesetzlichen Grundlagen geschaffen. Während § 945a ZPO grundlegende gesetzgeberische Vorgaben zum Schutzschriftenregister trifft, wird die Regelung der Einzelheiten durch § 945b ZPO dem BMJV übertragen (Verordnungsermächtigung, Zustimmung des Bundesrates erforderlich). Noch vor dem vorgesehenen Inkrafttreten dieser Normen zum 1. 1. 2016 hat der Deutsche Bundestag in seiner Sitzung vom 15. 10. 2015 Änderungen derselben beschlossen. Diese sind indes bislang kaum wahrgenommen worden, weil sie über den Entwurf eines Gesetzes zur Änderung des Unterhaltsrechts und des Unterhaltsverfahrensrechts in das Gesetzgebungsverfahren „eingeschleust“ wurden (BT-Drs. 18/6380). In der Neufassung des § 945a ZPO ist nunmehr klargestellt, dass die Führung des Registers entsprechend einer zuvor erfolgten Abstimmung der Landesjustizverwaltung Hessen obliegt. Ferner hat der Gesetzgeber nunmehr selbst Gebührenregelungen im Justizverwaltungskostengesetz JVKostG vorgesehen und in der Folge die Verordnungsermächtigung des § 945b ZPO insofern teilweise zurückgenommen. Die Hinterlegung einer Schutzschrift wird zukünftig mit 83 Euro zu Buche schlagen (Ziff. 1160 KV JVKostG). Gebührenschuldner ist gemäß § 15a JVKostG n.F. derjenige, der die Schutzschrift einreicht.

 

2. Bereits im Juli hatte das Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz dem Bundesrat eine Schutzschriftenregisterverordnung – SRV – vorgelegt (BR-Drs. 328/15). Die Bundesrechtsanwaltskammer hatte zu dem vorausgegangenen Referentenentwurf eine ausführliche Stellungnahme abgegeben (BRAK-Stellungnahme Nr. 11/2015). Während in der Stellungnahme der BRAK vor allem kritisiert worden war, dass der Verordnungsgeber die in § 1 IV SRV-E vorgesehene Suchfunktionalität nicht im Einzelnen selbst definiert, sondern diese letztlich dem Betreiber des Schutzschriftenregisters überlässt, hat der Bundesrat in seiner Sitzung vom 6. 11. 2015 beschlossen, der Verordnung mit der Maßgabe zuzustimmen, dass mit § 1 IV 2 SRV die einzige Regelung, die auch nur ansatzweise eine Beschreibung der Suchfunktionalität enthält, ersatzlos gestrichen wird. Die Regelung hatte vorgesehen, dass im Rahmen der Ähnlichkeitssuche auch die Suche nach grammatischen und phonetischen Ähnlichkeiten, nach Wortkombinationen, Alternativen sowie gleichem Zeichen- und Wortstamm möglich sein müsse. Die Maßgabe der Streichung wurde vom Bundesrat damit begründet, dass die direkte gesetzliche (?) Definition von einzelnen Funktionalitäten der technischen Ähnlichkeitssuche zu weit gehend sei. Darüber hinaus – und dies dürfte der eigentliche Grund sein – sei nach der mit den Ländern und dem BMJV bereits im Juni besprochenen „Feinkonzeption“ lediglich eine phonetische Suche vorgesehen und eine Suche in der in § 1 IV 2 2 SRV-E vorgesehenen Form sei bis zum Start des Schutzschriftenregisters nicht mehr umsetzbar.

 

3. Das Projekt „Zentrales Schutzschriftenregister“ ist durch eine bemerkenswerte zeitliche Staffelung des Inkrafttretens der verschiedenen Regelungen geprägt. Diese erscheint wenig durchdacht: Während die § 945a und 945b ZPO ebenso wie der größte Teil der SRV am 1. 1. 2016 in Kraft treten werden, wird die in § 49c BRAO n.F. vorgesehene Nutzungspflicht für Rechtsanwälte erst ab dem 1. 1. 2017 gelten. Völlig unverständlich ist indes, warum auch erst zu diesem Stichtag die Regelung des § 2 IV 2 SRV in Kraft treten soll, wonach die Schutzschrift auch ohne qualifizierte elektronische Signatur eingereicht werden kann, wenn die Schutzschrift über einen sicheren Übermittlungsweg – wozu auch das besondere elektronische Anwaltspostfach beA zählen soll – eingereicht wird (die Regelung des § 2 V Nr. 1 SRV, wonach auch der Versand über ein De-Mail-Konto als sicherer Übermittlungsweg angesehen wird, soll sogar erst am 1. 1. 2018 in Kraft treten, § 10 II SRV).

 

III. Ausblick

Zu den einleitend angesprochenen Fragen, die sich zwar zum Zeitpunkt der Drucklegung durchaus stellen, jedoch aus den besagten Gründen noch nicht beantwortet werden können, gehören vor allem die Folgenden:

 

  • - Wird die Erreichbarkeit des zentralen Schutzschriftenregisters über das beA bereits vor dem 1. 1. 2017 möglich sein? Falls ja: Was geschieht mit Schutzschriften, die vor diesem Stichtag zwar über beA an das Schutzschriftenregister übermittelt werden, die jedoch nicht mit einer qualifizierten elektronischen Signatur versehen sind? Werden diese auch ungeachtet der dann noch nicht in Kraft getretenen Regelung des § 2 IV 2 SRV angenommen und in das Register eingestellt oder werden diese bis zum Inkrafttreten am 1. 1. 2017 gemäß § 2 VI SRV zurückgewiesen?
  • - Über welche Internet-Domain wird das zentrale Schutzschriftenregister erreichbar sein? Welche Kommunikationsmöglichkeiten stehen weiterhin zur Verfügung?
  • - Wie werden die nach § 2 I 1 SRV erforderlichen Strukturdaten (Bezeichnung der Parteien, Angabe des Gegenstandes) erfasst und übermittelt? Derzeit gibt es Pläne, hierzu ein Tool auf einer Justiz-Internetseite zur Verfügung zu stellen, wobei noch unklar ist, wie der solchermaßen generierte Datensatz mit der Schutzschrift verbunden und an das Register übermittelt wird. Unklar ist auch, ob das beA-System so erweitert wird, dass die Strukturdaten unmittelbar dort erfasst werden können und ab welchem Zeitpunkt dies möglich sein wird.
  • Wie lange wird die Nutzung des bestehenden Registers der EEAR noch möglich sein? Bis wann werden die dort teilnehmenden Gerichte dort noch Schutzschriften abrufen? Was geschieht mit den dort hinterlegten Schutzschriften, werden diese in das amtliche Register übertragen? Kann die Hinterlegungszeit für diese noch verlängert werden?

 

Die Kammer wird die Entwicklung beobachten und die Mitglieder zeitnah informieren. Eines allerdings ist gewiss: Wer ganz sicher gehen will, dass er auch ab dem 1. 1. 2016 Schutzschriften (zentral) hinterlegen kann, der sollte sich – soweit nicht bereits vorhanden – umgehend eine Signaturkarte besorgen.

Aufrechnung mit Kostenerstattungsansprüchen

RA Dirk Hinne, Dortmund

KammerReport Nr. 5/2015 vom 15.12.2016

 

In vielen Fällen ist der Mandant nicht zur Zahlung der durch die Beauftragung des Rechtsanwalts entstehenden Vergütungsanspruchs in der Lage. In diesen Fällen ist eine Mandatsbearbeitung nur im Hinblick auf den im Erfolgsfall entstehenden Kostenerstattungsanspruch möglich. In der letzten Zeit mehren sich die Fälle, in denen die Kostenerstattung durch den Erstattungspflichtigen oder durch gerichtliche Entscheidungen verhindert worden ist. Der nachstehende Aufsatz zeigt die Problematik und Lösungsansätze auf.

 

I. Strafrecht

Im Strafrecht entstehen im Falle eines Freispruches Kostenerstattungsansprüche in Höhe der gesetzlichen Gebühren des Verteidigers gemäß §§ 467 oder 473 StPO. Diesen stehen in vielen Fällen Zahlungsansprüche der Staatskasse entgegen (z.B. Geldstrafen, Gerichtskosten aus anderen Verfahren). Grundsätzlich stehen sich diese Zahlungsansprüche in aufrechenbarer Form gegenüber, so dass die Staatskasse den Kostenerstattungsanspruch durch Aufrechnung gemäß §§ 387 ff. BGB zum Erlöschen bringen könnte.

Hiergegen kann sich der Rechtsanwalt schützen, indem er sich die Kostenerstattungsansprüche von dem Auftraggeber abtreten lässt. Eine solche Abtretung ist auch im Vorhinein, also noch vor dem Entstehen des abzutretenden Kostenerstattungsanspruchs möglich. Liegt eine Abtretung vor, so ist gemäß § 43 S.1 RVG eine Aufrechnung der Staatskasse gegenüber dem Rechtsanwalt unwirksam. Insbesondere gelten in diesem Fall auch die Schuldnerschutzvorschriften der §§ 406 f. BGB nicht.

Voraussetzung ist jedoch eine wirksame Abtretung, die zudem gemäß § 43 S.2 RVG zum Zeitpunkt der Aufrechnung zur Akte angezeigt sein muss. Viele Rechtsanwälte versuchen hier, sich möglichst einfach und vor allem rechtzeitig zu schützen, indem sie sich die Kostenerstattungsansprüche in der Vollmachtserteilung bereits abtreten lassen und die Vollmacht mit der in ihr erhaltenen Abtretungserklärung zur Akte reichen.

Dieser Versuch ist vergeblich. Mit dem OLG Nürnberg hat ein weiteres Obergericht entschieden, dass eine solche Abtretungserklärung unwirksam ist, weil eine die Abtretungserklärung enthaltende Vollmachtsklausel gegen § 305c BGB verstößt.[1]

Es ist deshalb dringend erforderlich, die Abtretung in einer gesonderten Urkunde zu verkörpern. Damit wird zugleich auch das Problem vermieden, dass Streit darüber entsteht, ob und wann der Abtretungsvertrag durch die Annahmeerklärung des Rechtsanwalts zustande gekommen ist. Zudem spricht § 43 S.2 RVG davon, dass eine Urkunde zur Akte gereicht werden soll. Eine solche ist nur entbehrlich, wenn der Beschuldige oder Betroffene die Abtretung angezeigt hat.

 

II.Sozialrecht

Eine nur teilweise vergleichbare Problematik besteht im Sozialrecht. Im Falle eines erfolgreichen Widerspruchs besteht ein Kostenerstattungsanspruch gemäß § 63 SGB X; im Falle einer erfolgreichen Klage besteht ein solcher nach § 193 SGG i.V.m. § 91 ZPO.

Dadurch, dass viele Sozialleistungen nur als Darlehen gegeben werden und vielfach Rückforderungsansprüche für Sozialleistungen bestehen, schlummert in jedem sozialrechtlichen Mandat die Gefahr einer Vernichtung von Kostenerstattungsansprüchen durch Aufrechnungen des Erstattungsverpflichteten.

Die Leistungsträger im Sozialrecht haben die Aufrechnung als Gestaltungsmöglichkeit erkannt. Das „Praxishandbuch für das Verfahren nach dem Sozialgerichtsgesetz“ der Bundesagentur für Arbeit als Kostenträgerin der ARGEn und JobCenter sieht ausdrücklich die Aufrechnung als Regelfall vor.

Die Frage ist, wie man sich vor dem Verlust der einzig realistischen Honorierung schützen kann. Grundsätzlich kommt auch im Sozialrecht eine Abtretung der Kostenerstattungsansprüche in Betracht. Im sozialrechtlichen Bereich fehlt jedoch eine Vorschrift wie § 43 RVG, so dass die Schuldnerschutzvorschriften des BGB anwendbar bleiben.

Bei bestimmten Fallkonstellationen ist auch ohne Abtretung der Kostenerstattungsansprüche eine Sicherung zu erreichen. Soweit das nicht der Fall ist, muss einstweilen mit dem Institut der Abtretung versucht werden, eine größtmögliche Sicherheit für den Vergütungsanspruch zu erreichen. Es sind deshalb verschiedene Sachlagen zu unterscheiden.

 

1.Außergerichtliche Vertretung auf der Basis der Bewilligung von Beratungshilfe

Soweit Beratungshilfe bewilligt ist, tritt gemäß § 9 S.2 BerHG ein Forderungsübergang auf den Rechtsanwalt ein, der alleiniger Gläubiger des Erstattungsanspruchs wird. Deshalb handelt es sich nicht um gegenseitige Forderungen; eine Aufrechnungslage ist nicht gegeben. Der Anspruch des Rechtsanwalts kann deshalb nicht durch Aufrechnung des Erstattungspflichtigen gegen eine ihm gegen den Auftraggeber bestehende Geldforderung vernichtet werden (LSG Mainz, Urteil vom 06.05.2015 – L 6 AS 34/15).

Ausnahmsweise stellt die Beratungshilfe hier einen Vorteil dar. Es ist deshalb unverzichtbar, den Berechtigungsschein als Voraussetzung für die anwaltliche Tätigkeit zu verlangen, denn § 9 BerHG geht davon aus, dass Beratungshilfe bewilligt worden ist. Das ist nach der aktuellen Praxis der Amtsgerichte bei der nachträglichen Beantragung von Beratungshilfe nicht der Fall; hier wird zumeist erst mit der Liquidation über die Bewilligung entschieden

 

2. Außergerichtliche Vertretung ohne Vorschuss und Schlusszahlung des Mandanten

Soweit der Gebührenanspruch des Rechtsanwalts von dem Mandanten nicht erfüllt worden ist, steht dem Mandanten gegenüber dem Erstattungspflichtigen kein Zahlungsanspruch, sondern nur ein Freistellungsanspruch zu.[2] Bei einer solchen Lage fehlt es zwischen dem Freistellungsanspruch und der zur Aufrechnung gestellten Geldforderung an der nach § 387 BGB erforderlichen Gleichartigkeit (Konnexität) der gegenseitigen Forderungen.[3]

Wird also die Aufrechnungserklärung zu einem Zeitpunkt abgegeben, in dem nur der Freistellungsanspruch besteht, ist sie unwirksam.[4]

Der Erstattungspflichtige kann auch keinen Zurückbehaltungsanspruch geltend machen, weil dieser gemäß § 273 BGB erfordert, dass nicht nur zwischen beiden Ansprüchen ein natürlicher wirtschaftlicher Zusammenhang aufgrund eines innerlich zusammenhängenden, einheitlichen Lebensverhältnisses besteht, sondern auch, dass es dem Gebot von Treu und Glauben widerspräche, würde der eine Anspruch ohne Beachtung des anderen durchgesetzt werden können.[5] Ein solch enger Zusammenhang, dass die Durchsetzung des Freistellungsanspruchs ohne Rücksicht auf die Forderung des Erstattungspflichtigen unbillig erschiene, besteht nicht.[6]

Für den Freistellungsanspruch ist es nicht erforderlich, dass die Gebührenforderung gegenüber dem Auftraggeber formell gemäß § 10 RVG abgerechnet worden ist.[7]

Auch hier ist der Rechtsanwalt vergleichsweise gut geschützt.

 

3. Gerichtliche Vertretung auf der Basis von Prozesskostenhilfe

Soweit Prozesskostenhilfe bewilligt ist, kann der Rechtsanwalt gemäß §§ 202 SGG, 126 Abs.1 ZPO die Gebühren gegenüber dem Gegner im eigenen Namen geltend machen. Davon sollte unbedingt Gebrauch gemacht werden, denn so besteht keine Personenidentität zwischen dem Rechtsanwalt als Inhaber des Kostenerstattungsanspruchs gegenüber dem Gegner und dem etwa gegenüber dem Gegner rückzahlungsverpflichteten Auftraggeber. Eine Aufrechnungslage besteht deshalb nicht.

 

4.Außergerichtliche und gerichtliche Vertretung in anderen Fällen

Ansonsten bleibt bei der außergerichtlichen Vertretung nur die Möglichkeit, den Kostenerstattungsanspruch durch eine Abtretung zu sichern. Hier sollte beachtet werden, dass auch bei sozialrechtlichen Mandaten eine Abtretung in der Vollmacht von der Rechtsprechung als überraschende Klausel i.S.v. § 305c angesehen werden wird.

Es muss daher stets bei Mandatsübernahme ein gesonderter schriftlicher Abtretungsvertrag abgeschlossen werden. Der Kostenerstattungsantrag gemäß § 63 SGB X sollte stets bereits mit der Einlegung des Rechtsmittels gestellt werden. Zugleich sollte die Abtretung durch Vorlage der Abtretungsurkunde zur Akte bekanntgegeben werden.

Ebenso sollte der Kostenantrag bei der Klageerhebung oder Einlegung von Rechtsmitteln mit dem Hauptsacheantrag verbunden und zugleich die Abtretung durch Vorlage der Urkunde bekanntgemacht werden.

Nur durch die sofortige Bekanntgabe der Abtretung kann die Zahl der Fälle minimiert werden, in denen dem Kostenerstattungsverpflichteten die Aufrechnung gemäß § 406 BGB möglich bleibt. Bei zu diesem Zeitpunkt bereits entstandenen Gegenforderungen hilft das jedoch nicht.

 


[1] OLG Nürnberg, Beschluss vom 25.03.2015 – 2 WS 426/15

[2] BSG, Urteil vom 02.12.2014 – B 14 AS 60/13 R

[3] LSG Mainz, Urteil vom 06.05.2015 – L 6 AS 288/13, Rn.21

[4] BGH, Urteil vom 28.06.1983 – VI ZR 285/81; Beschluss vom 09.07.2009 – IX ZR 135/08

[5] BGH, Urteil vom 20.12.2012 – IX ZR 130/10

[6] LSG Mainz, Urteil vom 06.05.2015 – L 6 AS 288/13, Rn.32

[7] BSG, Urteil vom 02.12.2015 – B 14 AS 60/13 R

 

Auf Schatzsuche ‒ effiziente Personalauswahl und Bewerbungsinterviews in der Anwaltskanzlei

Auf Schatzsuche ‒

effiziente Personalauswahl und Bewerbungsinterviews in der Anwaltskanzlei

Prof. Dr. Anja K. Haftmann, Dortmund

KammerReport Nr. 3/2015

 

Zum Vorgehen bei einem Personalauswahlverfahren

Im Vergleich zu Sachinvestitionen liegt die Schwierigkeit bei der Auswahl neuer Mitarbeiter darin, dass über Menschen entschieden wird, und zwar anhand von kurzen, ausschnitthaften Eindrücken. Aufgrund einer relativ schmalen Datenbasis soll eine zuverlässige Prognose über die Bewährung in der Kanzlei für die nähere und in vielen Fällen auch für die weitere Zukunft getroffen werden.

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Miszellen zum Vereinsrecht

Miszellen zum Vereinsrecht

RA Dr. Marcus Kreutz, LL.M., Essen

KammerReport Nr. 3/2015

 

  1. Das Groucho-Marx-Paradoxon und das Phänomen des Vereinswesens in Deutschland

Groucho Marx, der bekannteste der Marx Brothers[1], schuf mit folgender Sentenz, die sich in einem Telegramm an den Friars Club wiederfindet, das nach ihm benannte Groucho-Marx-Paradoxon: „I don’t care to belong to any club that will have me as a member.“[2]

In Deutschland hätte er mit dieser Aussage wohl ein weit geringeren humoristischen Erfolg erzielt, als dies in den USA der Fall war. Denn zum einen ist Deutschland nicht dafür bekannt, Paradoxien als Gegenstand gedanklicher Auseinandersetzung zu lieben[3], noch dafür, dass Humor auf Kosten eines Vereins gemacht wird. Denn obgleich es die abschätzigen Begriffe des Vereinmeiers und der Vereinsmeierei gibt, so kann gleichwohl nicht davon gesprochen werden, dass die deutsche Bevölkerung dem Vereinswesen distanziert gegenüberstünde. Das Gegenteil dürfte vielmehr der Fall sein. Denn nach einer im Jahr 2008 durchgeführten Auswertung der Vereinsregister gibt es in Deutschland eine Zahl von 554.401 Vereinen.[4] Und obzwar die gesellschaftliche Bindungswirkung von Parteien und Gewerkschaften in den letzten Jahrzehnten nachgelassen hat, wird man dies für Vereine nicht unbedingt behaupten können. Möglicherweise ist sogar mit dem verstärkten Trend zur „Flucht ins Private“ der gegenteilige Effekt feststellbar. Zwar wird man wohl konstatieren müssen, dass die Zahl derjenige, die sich ehrenamtlich in Wahlämtern von Vereinen engagieren, ebenfalls nachgelassen hat. Ob die eigentlichen Mitgliederzahlen im deutschen Vereinswesen zurückgegangen sind, ist eine noch zu beantwortende Frage. Viel eher besteht auch die Möglichkeit, dass die deutsche Bevölkerung das Bild der immer weiteren gesellschaftlichen Auffächerung durch Gründung weiterer Vereine vorantreibt.

Wie es auch immer sein mag – das Vereinsrecht ist ein Rechtsgebiet, welches in seiner forensischen Bedeutung in einem auffälligen Kontrast zur Zahl der Vereine und Vereinsmitglieder steht. Dies belegt auch der Umstand, dass trotz der immensen Zahl juristischer Fachzeitschriften zu den entlegensten Rechtsgebieten nur eine Fachzeitschrift existiert, die sich in ihrem Titel explizit mit dem Vereinsrecht beschäftigt.[5] Daher sollen im Folgenden einige vermischte rechtliche Tatsachen und aktuelle Urteile aus dem Bereich des Vereinsrechts präsentiert werden.

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Regierungsentwurf für ein Gesetz zur Bekämpfung der Korruption

Heft 02/2015 Regierungsentwurf für ein Gesetz zur Bekämpfung der Korruption

– ein Bericht

von Rechtsanwalt Dr. Wilhelm Krekeler, Dortmund

 

Mit dem Hinweis, die Korruption mache heute nicht mehr vor den Grenzen von Staaten halt, hat sich die Bundesregierung veranlasst gesehen, unter dem 23.01.2015 (BR-Drucks. 25/15) einen Gesetzesentwurf für ein Gesetz zur Bekämpfung der Korruption vorzulegen.

Durch dieses Gesetz soll das deutsche Strafrecht an die verbindlichen Vorgaben aus den einschlägigen Rechtsinstrumenten des Europarats und dem EU-Rahmenbeschluss zur Bekämpfung der Bestechung im privaten Sektor vom 22.07.2003 angepasst und dem Übereinkommen der Vereinten Nationen vom 30.10.2013 Rechnung getragen werden.

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Unternehmensjuristen und ihre Rente Zur berufs- und sozialversicherungsrechtlichen Stellung der Syndikusanwälte

 

Heft 02/2015 Unternehmensjuristen und ihre Rente

Zur berufs- und sozialversicherungsrechtlichen Stellung der Syndikusanwälte 

von Prof. Dr. Reinhard Singer, Humboldt-Universität zu Berlin

 

Selten haben Urteile der höchsten Fachgerichtsbarkeit so viel Widerspruch provoziert wie die Urteile des 5. Senats des Bundessozialgerichts vom 3.4.2014[1]. Die Revisionsurteile in drei parallel gelagerten Verfahren kommen übereinstimmend zu dem Ergebnis, dass Syndikusanwälte, die bei einem nicht-anwaltlichen Arbeitgeber angestellt sind, nicht mehr - wie dies bislang einer verbreiteten, aber zunehmend uneinheitlichen Praxis[2] entsprach - von der Versicherungspflicht in der gesetzlichen Rentenversicherung befreit werden können. Die Aufregung entzündet sich nicht nur an den ökonomischen Konsequenzen, die diese Entscheidungen nach sich ziehen, sondern berührt im Kern das Berufsbild des Rechtsanwalts. Wenn man freilich um der "Einheit der Anwaltschaft"[3] willen bereit ist, sich vom Leitbild der beruflichen Unabhängigkeit zu verabschieden, gerät das System der Regulierung, das der Bundesrechtsanwaltsordnung im Interesse der Mandanten und einer vertrauenswürdigen Rechtspflege zugrunde liegt, ins Wanken. Insofern ist sehr sorgfältig zu prüfen, an welchen Stellschrauben gedreht werden sollte, um den status quo wiederherzustellen und Syndikusanwälten den Zugang zu den beruflichen Versorgungswerken der Anwälte zu ermöglichen.

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